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Tote leben länger
Die schwäbische Hausfrau
und der
Cloppenburger Wochenmarkt
HFB 26-08-18
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Der Wochenmarkt in Cloppenburg ist so gut wie tot. Das zumindest war vor kurzem einem Artikel der Münsterländischen Tageszeitung zu entnehmen. (01)
Hier wurde versucht, die Frage zu klären, warum der Cloppenburger Wochenmarkt am Ende ist. Die Antworten fallen unterschiedlich aus: Während die Beschicker von zu geringen Einnahmen als Ursache sprechen, macht die Pressestelle der Stadt Cloppenburg den Rückzug von Marktständen und das Nachwuchsproblem in diesem Geschäftsbereich als Symptom aus, fügt aber eilig hinzu, dass der Rückgang dieser Märkte ohnehin kein Cloppenburger Phänomen sei, sondern in vielen Kommunen in der Umgebung ähnlich zu beobachten ist.
Der vorliegende Artikel ist mittlerweile auf Resonanz gestoßen. Zum einen hat sich der MT-Satiriker und „Heimatschutzbeauftragter“, Otto Höffmann, zum anderen der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Cloppenburg Stadtrat als Verehrer der „Schwäbischen Hausfrau“, Marco Beeken – seines Zeichens Professor - kontrovers zum „Ende des Cloppenburger Wochenmarktes“ geäußert. Es ist interessant, diese verschiedenen Statements zu durchleuchten, um zu illustrieren, welch ökonomischer Geist dort jeweils agiert.
Direktverköstigung: Resteverkauf
Satiriker Höffmann serviert dem Leser zunächst das heimatliche Selbstwertgefühlt, da es sich beim Cloppenburger Wochenmarkt um den Verkauf typisch regionale Produkte geht. Vom Verkauf profitieren würden vor allem die heimischen Landwirte. Doch seinen Worten nach sträube sich die Tastatur bei der Beschreibung, wie ein Wochenmarkt sein sollte. Nein, so sei es nicht: „Der Cloppenburger Wochenmarkt, der arme, der traurige, hat nichts von alledem“ heißt es satirisch emotional. In Richtung Stadtmarketing gerichtet, der sarkastische Hinweis, dass man ihn, den Wochenmarkt, ihn den Arm nehmen und ihn trösten müsse, um ihm zu sagen, das sei ja alles nicht so schlimm. Höffmann wundert sich zugleich über den „Bohei“, der um diesen Markt gemacht werde. Zudem merkt er an, wenn keiner ihn wolle, dann ginge das doch auch ohne ihn. Und weil die Direktverköstigung der kümmerliche Rest des „so called“ Wochenmarktes sei, bliebe der Geschäftsfrau der nicht mehr so lukrative „Reibekuchen-Resteverkauf“ in Cloppenburg. Ein Geschäftsfeld, welches den Marktkunden in Oldenburg deutlich mehr Freude bereiten werde.
Freie Wirtschaft statt öffentlicher Dienst
Höffmann wird nun deutlicher: Trotz aller Ideen zur Sanierung des Markt-Marketings, habe die Rathausverwaltung nicht wirklich ein Händchen für solche Ideen. Höffmann, ehemals Selbständiger in der freien Wirtschaft, nennt den Weihnachtsmarkt und das behördliche Denken: Da würden Umsätze gemacht und die müssten abgeschöpft werden durch Zwangsgebühren und Rechtsmittelbelehrung. Resümierend heißt es zuletzt: Weil das so ist, hieße es ja auch „in der freien Wirtschaft“ statt „im öffentlichen Dienst“. Deutlicher lässt sich der Vorwurf der marktwirtschaftlichen Inkompetenz in Richtung symptomorientierter Ratshausverwaltung nicht illustrieren. (02)
Das Mantra der schwarzen Null
Die Antwort Professor Doktor Marco Beeken, Beschäftigter im öffentlichen Dienst, ließ nicht lange auf sich warten. Als CDU-Fraktionsvorsitzender und politscher Security-Manger des Cloppenburger Bürgermeisters sah er schließlich in der Pflicht, Höffmanns Vorwürfen irgendwie zu widersprechen. Dass er sich hierbei nicht mit marktwirtschaftlicher Kompetenz bekleckert hat, das schon mal vorweg. Schließlich ist er ein Verfechter der Symptomatik und nicht einer der Ursachenforschung. Einer, der durch das Mantra der „schwarzen Null“ geprägt, den Sündenfall in der Staatsverschuldung zu verorten, immer noch vom Sondervermögen als positives Saldo zu träumen und wirtschaftlich offensichtlich keinesfalls in größeren Zusammenhängen zu denken scheint. Wieder einmal nachzulesen auf seiner Facebook-Site „Marco Beeken“.
Beeken beginnt mit einer Frage zu Höffmanns Aussagen, die lautet: „Was genau soll eigentlich die Konsequenz daraus sein?“ Natürlich würde er sich über einen großen, gut besuchten Wochenmarkt in Cloppenburg freuen. Aber seitens der Stadt dafür mehr Geld auszugeben, ginge gar nicht. Und natürlich kennt Beeken das marktwirtschaftliche Prinzip von Angebot und Nachfrage. Dazu meint er: „Aber Nachfrage kann man nicht mit Steuergeld herbeizaubern.“ Es gebe ja funktionierende, aber konkurrierende Wochenmarktstrukturen „in Varrelbusch, Stapelfeld, Höltinghausen und anderswo“, wodurch der Bedarf für den Cloppenburger Wochenmarkt einfach nicht so groß sei. Doch diesen Markt mit Steuergeld künstlich am Leben zu halten, davon halte er [Beeken] nichts. (03)
Damit jeder weiß, wo es langgeht: Beachflags
Wenn Professor Beeken somit für die CDU und damit auch für den Bürgermeister spricht, wird schnell klar, dass der Wochenmarkt von der Cloppenburger Verwaltung so gut wie abgeschrieben ist. „Aktuell sei nicht absehbar, wie sich der Wochenmarkt in Cloppenburg entwickeln wird“, heißt es von dort. Doch seien Versuche in Gang gesetzt worden, das „Aus“ doch noch abzuwenden: U.a. würde der Wochenmarkt auf Social-Media-Kanälen begleitet und gelegentlich auf der städtischen Website sowie gesonderten Pressemeldungen beworben. Neben Gesprächen mit Direkterzeugern am runden Tisch sei auch Beachflags angeschafft worden, um die Sichtbarkeit des Wochenmarktes am Donnerstag zu verbessern.
Der keynesianische Ansatz
Aber das ist nicht das, was Höffmann offensichtlich meint. Er prangert vielmehr „Zwangsgebühren und Rechtsmittelbelehrung“ an. Übersetz zu verstehen als Forderung, die Standgebühren für die angeschlagenen Wochenmarktstände auf Null zu setzen und vor allem die bürokratischen Hürden abzubauen. Mit dieser Null fehlten der Stadt sicher ein Teil der Einnahmen, doch das dürfte in einem gewissen Zeitlimit durchaus zu verschmerzen sein. Dieses geht aus dem nachfrageorientierten Ansatz des britischen Ökonomen John Maynard Keynes hervor. Denn der Motor der Wirtschaft beruhe nicht auf der Menge des Angebots, sondern auf der der Nachfrage. In wirtschaftlich schlechten Zeiten sei Letztere schwach bis gar nicht vorhanden. So müsse die Nachfrage durch monetäre Interventionen des Staates angeschoben werden. Wenn die Staatsquote darunter leide, müsse in besseren Zeiten wieder gespart werden, um das so entstandene Haushaltsdefizit auszugleichen. (04)
Wenn man aber wie Beeken meint, Schulden seien Gift für den städtischen Haushalt, so outet er sich als Vertreter eines soliden, sparsamen und vernünftigen Wirtschaftens, was zunächst gut und vernünftig kling! Hiermit übernimmt er das Denken der „schwäbischen Hausfrau“. Ein Begrifft, den schon die ehemalige CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel verwendet hatte. (05) Doch was hier gut und vernünftig kling, gilt in der Regel für einen Privathaushalt, nicht aber für einen öffentlichen Haushalt. Dort wäre es schlecht und unvernünftig.
Wertschöpfung oder Kriegswirtschaft?
Ist in einem strukturschwachen Umfeld wie Cloppenburg die Kaufkraft gering, so muss man ihr monetär entgegenkommen, um Angebot und Nachfrage wieder ins Lot zu bringen. Bei einer wachsenden Arbeitslosigkeit, wie sie in Deutschland nunmehr um sich greift, gilt dasselbe. Die Intervention der niedersächsischen Landesregierung zusammen mit dem Bund zur Rettung der Papenburger Meyer-Werft ist ein Beispiel, Industrie am Laufen zu halten und Arbeitsplätze zu retten. (06) Ob das bei der Standortrettung von VW zu klappen kann, steht in den Sternen, wird aber wohl nicht durchzuhalten sein. Die mögliche Umstellung auf Kriegswirtschaft – wie beim Osnabrücker VW-Standort angedacht – wird trotz Erhalt vieler Arbeitsplätze das keynesianische Prinzip wohl kaum erfüllen. Eine ökonomisch gebundene Wertschöpfung liegt dann nicht vor. Was für andere Staaten gilt, wird ebenso für Deutschland gelten. (07) Ein Wochenmarkt, der anstelle von „Reibekuchen-Resten“ nunmehr EPAs an Privatpersonen verkauft, kann es also nicht geben. (08)
Der Blick in die weite Welt sollte den Blick auf Cloppenburg nicht versperren. So muss auch hier festgestellt werden, dass immer mehr Geschäfte in der Innenstadt schließen und damit die Cloppenburgs Wertschöpfung sinkt. Sie kann nicht dadurch kompensiert werden, indem Leerstände mit Sozialeinrichtungen oder Infocentern befüllt werden. Die Einnahmen des städtischen Haushalts schrumpfen trotz der Zunahme an Imbisslokalen dennoch. Letzteres gilt vielmehr als allgemeines Indiz für sterbende Innenstädte. (09) Zwar betreiben sie als Großfamilienbetriebe keinen „Reibekuchen-Resteverkauf“, sind aber als Direktverköstigungseinrichtungen dennoch irgendwie gefragt und werden dann – wie es das Beispiel des Wochenmarktes zeigt – die letzten „Resteverkäufer“ sein. Der oft triebgesteuerte Hunger treibt´s rein, auch wenn das Geld noch so knapp ist! Tote leben eben länger!
Vorsicht Glashaus!
Ist der keynesianische Ansatz eine Option für Cloppenburg? Möglicherweise! Wenn ja, dann sollte man einfach mal an anderen Stellen sparen. Potenzial ist dort, wo es um „freiwillige Ausgaben“ geht, die trotz prekärer Finanzlage Jahr für Jahr mit Millionenbeträgen im Cloppenburger Haushalt zuschlagen. Mehrheitlich beschlossen von der CDU und seinen angeschlossenen Unterabteilungen FDP und ZENTRUM. Unterstütz von SPD/LINKE, GRÜNEN und UWG.
Wer demnach federführend im Glashaus sitzt, sollte mitten im Kommunalwahlkampf nicht mit Steinen auf kritische Bürger werfen.
(01) https://www.om-online.de/landkreis-cloppenburg/cloppenburg/artikel/droht-dem-wochenmarkt-cloppenburg-das-endgueltige-aus-51036195
(02) https://www.om-online.de/landkreis-cloppenburg/artikel/warum-der-cloppenburger-wochenmarkt-am-ende-ist-51047137
(03) https://www.facebook.com/marco.beeken?locale=de_DE
(04) https://de.wikipedia.org/wiki/Keynesianismus
(05) https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2010/28419440_kw03_de_hh_schlussrunde-200728
(06) https://www.zdfheute.de/wirtschaft/unternehmen/meyer-werft-rettung-staatseinstieg-bundestag-landtag-niedersachsen-100.html
(07) https://www.deutschlandfunk.de/kriegswirtschaft-russland-ukraine-100.html
08) https://feddeck-dauerwaren.de/Tagesrationen?gad_source=1&gad_campaignid=18923413147&gclid=EAIaIQobChMIsMXLxZyqlgMVf9BEBx1TQwdpEAAYASAAEgI MFPD_BwE
(09) https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/doener-obergrenze-heilbronn-wie-sinnvoll-100.html
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