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Maßnahmen? Nein!
Gewalt an Schulen
„Das Bildungssystem ist offensichtlich dysfunktional“
HFB 26.05.07
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Wenn von Gewalt die Rede ist, macht sich ein gewisses Unbehagen breit. Mit Gewalt wird ein bestimmter Prozess verbunden – ein Ansinnen, ein Vorgang eine Handlung etc. – , der mindestens eine Ursache, eine Bereitschaft und einen Auslöser braucht, um diesen Prozess in Gang zu setzen. Als zielgerichtete Resultate dieses Prozesses gelten u.a. Schädigung oder Zerstörung. Zustände. Also Resultate, die eine Verschlechterung vor allem im psychischen oder physischen Bereich mit sich bringen, wenn es sich um Gewalt gegen Menschen handelt. In ihren vielfältigen Ausmaßen hat die Gewalt Einzug gehalten in den Alltag vieler Menschen. Und das nicht selten in subtiler Art und Weise. Versteckt im Nebel des täglichen Miteinanders. Dem individuellen Bewusstsein entschwunden. Begleitet von Unbehagen, Resignation und fehlender Lebensfreude. Allzu oft auch umschlagend in eine Art erlösender Aggressivität. In Form einer zirkulären Gewaltbereitschaft, die sich aktuell im Kreise dreht und auch in Schulen kein Ende finden mag.
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Bilder: Bergmann nach KI-Vorlage
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Die folgenden Zeilen sollen in Kurzform ein klareres Bild über die Zusammenhänge und Ursachen von Gewalt an Schulen wiedergeben. Als Ausgangspunkt dienen unglaubliche Fallbeschreibungen, die verdeutlichen, was im deutschen Bildungssystem mittlerweile abgeht. Erschreckend die Hilflosigkeit, mit der Politik, Behörden und Medien darauf reagieren. Präventive Ansätze beschränken sich auf schnelle Verfallsdaten. Eine ehrliche Aufarbeitung der Gewaltproblems scheint gar nicht gewollt zu sein. Alles soll so bleiben, wie es ist. Stattdessen setzt man auf neue Szenarien mit neuen Weltbildern und Bedrohungen. Also auf Narrative, die von den eigentlichen Problemen der heutigen Zeit ablenken. Die Konditionierungen übernehmen die z.T. unkritischen Medien, aber auch die Lehrpläne der Schulen, der Virtualisierungshype und die zunehmend inflationäre Notengebung. Hin zu einer Lesart, die letztendlich die Fähigkeit untergräbt, reale Wirkzusammenhänge erkennen zu können. Aber soweit ist es noch nicht: Die Auffassungsgabe einer wachsenden Zahl an unzufriedenen Bürger wird unterschätzt. (01) Das resultierende Ohnmachtsgefühl macht aggressiv. Dass das Potenzial an Aggressivität zunehmend durch Gewalt kompensiert wird, sollte also keinen mehr wundern.
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Menschenverachtendes Auftreten und Ratlosigkeit
Horchen wir nun herein, was mittlerweile- und immer wieder- an manchen Schulen in Deutschland abgeht und wie zuständige Vorgesetzte, Behörden und Politiker darauf reagieren.
Im Jahr 2006 erfuhr die Öffentlichkeit zum ersten Mal von einem Hilferuf eines Schulkollegiums. Adressiert an die Schulaufsicht: „Weil sie die Gewalt an ihrer Schule nicht mehr in den Griff bekam, schickte die Rektorin der Berliner Rütli-Hauptschule diesen dramatischen Hilferuf an den Senat“. In dem Schreiben heißt es: „Unsere Bemühungen, die Einhaltung der Regeln durchzusetzen, treffen auf starken Widerstand der Schüler/innen. (…) In vielen Klassen ist das Verhalten (…) geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten. (…) Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert (…) Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können“. Das Schreiben endet mit dem Hinweis: „Wir [als Pädagogen] sind ratlos“. (05)
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Und selbstverständlich sind dem Lehrpersonal die häuslichen Bedingungen, durch die die Schülerschaft geprägt ist, bekannt gewesen. Kurzum: Die Familienverhältnisse waren auf vielen Ebenen nicht förderlich für diejenigen Kinder, die die Rütli-Hauptschule besuchten. Diese Hauptschule erfüllte nunmehr viele der Kriterien, die eine „Brennpunktschule“ auszeichnen. (06)
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Der Fall „Rütli-Hauptschule“ hatte Schlagzeilen gemacht. In Folge wurden pädagogische Konzepte, bauliche Veränderungen und personelle Neubesetzungen vorgenommen, nachdem die angeschlagene Politik zusätzliche Finanzmittel in unbekannter Höhe bereitgestellt hatte. Obwohl die Arbeit an der Hauptschule sicherlich nicht einfacher geworden ist und viele Rückschläge vermeldet werden mussten, kam die Öffentlichkeit nicht um die das politische Eigenlob herum, wobei es hieß: „Die Senatsverwaltung spricht auf Anfrage von einer <stabilen und klar positiven> Entwicklung. Immer mehr Schüler machen eine Ausbildung oder gehen auf weiterführende Schulen“. (07) Mag die sozialpädagogische und systemische Intervention in diesem Einzelfall von Erfolg gekrönt sein, so bleibt die Gesamtsituation an deutschen Schulen dennoch angespannt. Akuter Personalmangel und die prekären Haushaltssituation der Länder und Kommunen so wie das Wegschauen der Politik lassen nichts anderes zu.
Medial unter den Teppich gekehrt bis zum nächsten Aufschrei
Also bleiben Fragen im Raum: Haben auch die übrigen Brennpunktschulen dieselbe Aufmerksamkeit erfahren, die der Öffentlichkeit keine Brandbriefe präsentiert haben? Sind Weisungen erfolgt, die Brandbriefe nach dem Beispiel des Rütli-Kollegiums per Erlass verboten haben? Schließlich ist Bildung ein existenzielles Wahlkampfthema für die gewählten Polit-Akteure, deren knappen Kassen noch für vieles andere herhalten müssen. Ist nun alles gut, weil nichts mehr zu diesem Problem durchsticht?
Warum wurde im Jahr 2004 noch nicht von „Gewalt“ gesprochen und viele Jahre später schon? Nein, das war zunächst nicht möglich, aber auch nicht gewollt. Der Begriff „Gewalt“ wurde durch Politik und Medien im Verlauf von 20 Jahren in der Weise ausdifferenziert und verfeinert. Somit konnte dieser für Problembereiche herhalten , die nicht allein durch die Anwendung von Faustschlägen etc. beschrieben werden mussten.
Nun also gibt es selektiv erweiterte Begriffe für Gewalt, die als selektiv adressierte Gewalttaten zu verstehen sind, denen jeweils ein exklusiver Charakter zugestanden wird: Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Kinder, Gewalt an … etc.! Der Zeitgeist jedoch schließt gewisse Adressaten aus. So scheint es beispielsweise die „Gewalt gegen Männer“ medial nicht zu geben, denn „Männer sind Schweine“! (08)
Wiederum darf festgestellt werden, dass in der ehemaligen Bildungsrepublik alles eine spezifische Geschichte hat. Nunmehr vom Zeitgeist der Respektlosigkeit geprägt, unterschlagen und gehypt. Die Entwicklung des selektiven Werteverfalls - bis hin zu den exzessiven Feindbildern der heutigen Zeit - ließe sich nicht klarer demonstrieren. Nun darf es endlich auch heißen: „Gewalt gegen Lehrer“.
Dass alle Präventivmaßnahmen ihre Grenzen haben, ist ein offenes Geheimnis. Und dieses Geheimnis wird medial solange gepflegt, wie kein neuer medialer Aufschrei stattfindet. Praktiziert nach dem Rütli-Prinzip. 2025 war es dann endlich wieder soweit. Kommentiert von der mediale Berichterstattung. Diesmal war es keine Hauptschule, sondern eine Realschule. Offenbar hatten die Schüler der Realschule einiges von der Hauptschule abgeguckt. Der Aufhänger hieß: „Ich schieß euch alle ab (…) Eine Realschule versinkt in Gewalt, Angst und Chaos“. (09) Bei der Berichterstattung handelte es sich um ein 10-seitiges Schreiben des Lehrerkollegiums einer Brennpunkt-Schule in Ludwigshafen an das zuständige Ministerium in Rheinland-Pfalz. Mit anschaulichen Beispielen. (10) Was in diesem Schreiben stand, war erschütternd.
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„Mobbing, verbales Attackieren, fiese Lästereien“
Der Bildzeitung, der das Schreiben vorliegt, berichtet: „Morgens kurz vor 10 Uhr betritt eine Schülerin (16) mit einem Klappmesser das Lehrerzimmer der Karolina-Burger-Realschule in Ludwigshafen. Sie geht auf eine Lehrerin los, <um diese zu töten>, wie die Staatsanwaltschaft später feststellt. Die Tat war im Mai 2025, jetzt beginnt der Prozess. Doch die Gewalt-Exzesse an Deutschlands gefährlichster Schule reißen nicht ab...“ (11)
Und die Politik, wie reagierte diese? Wie zu erwarten mit ausgefransten Hinweisen wie: „Man habe „konkrete Prozesse vereinbart, um die Belastung zu senken“. Doch Details wurden nicht genannt. „Das Bildungsministerium versprach Unterstützung doch bisher blieb der Effekt gering“. Mehr Hilflosigkeit seitens der Politik konnte nicht demonstriert werden. Denn es heißt: „Die Karolina-Burger-Realschule Plus ist nicht die erste Schule in Ludwigshafen, die bundesweit Schlagzeilen macht. Schon 2023 geriet die Gräfenauschule, eine Grundschule in einem benachbarten Stadtteil, in die Schlagzeilen – ebenfalls wegen Überforderung, Überlastung und Integrationsproblemen“. Und ergänzend zum Schüler-Klientel heißt es: „Nahezu alle Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund, viele sprechen kaum Deutsch, etliche waren nie in einem Kindergarten“. (12)
Deutlich anschaulicher wird es noch einmal, wenn eine Lehrerin über ihre Erfahrungen im Unterricht erzählt. Sie erinnerte sich an einen besonders krassen Fall in einer berüchtigten achten Klasse an einer Gesamtschule, an der zuvor unterrichtet hatte. „Viele kamen aus schwierigen Lebensumständen, für einen großen Teil von ihnen war Deutsch nicht die Muttersprache. Die Kinder haben sich ständig gegenseitig beschimpft, ich kam kaum zum Unterrichten (…) [Ein] Junge hat mich täglich schlimm beschimpft, <Fotze> war noch seine harmloseste Beleidigung. Eines Tages weigerte er sich, eine Klassenarbeit mitzuschreiben. Als ich darauf bestand, (…) baute [er] sich drohend vor mir auf. Er brüllte und drohte, mich zu verprügeln. Ich dachte, dass er tatsächlich jeden Moment zuschlagen würde“.
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Die Lehrerin setzt noch einen drauf und kritisiert die fehlende Solidarität im eigenen Kollegium: „Ich rechnete fest damit, dass die Kollegen mich unterstützen und mich jemand in die Klasse begleiten würde. Doch das passierte nicht“. Die Betroffene resümiert: „Gewalt an Schulen findet oft auch innerhalb des Kollegiums statt! Natürlich attackieren Lehrer einander nicht körperlich, aber es gibt sehr viel psychische Gewalt. Mobbing, verbales Attackieren, fiese Lästereien: So etwas habe ich in meinen Jahren im Schuldienst viel zu oft erlebt oder beobachtet“. (13)
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Die Lehrergewerkschaft wissen, dass viele Pädagogen mit ihrem Job überfordert sind und in dieser Hinsicht einen markanten Eindruck hinterlassen, der auch vor Schülern nicht Halt macht. In Kollegien findet allzu oft alles andere als ein freundlicher Umgang untereinander statt. Und das hinter der Maske der Vernunft: „Mobbing, verbales Attackieren, fiese Lästereien“ sind an der Tagesordnung. Erschreckend, wie solches Verhalten immer wieder von Instinkten gesteuert wird. Darunter leidet, nach flächendenkenden Informationen, ein Teil des betroffenen Lehrpersonals besonders. Mit der Hilfe des Personalrates rechnen die Allerwenigsten. Dort will man sich schließlich nicht die eigene Karriere verbauen. Die fehlende Solidarität bleibt der problematischen Schülerklientel jedoch nicht verborgen. Das führt in prekären Situationen zur gesteigerten Eskalation. Letztendlich sollte klar sein, dass Lehrergewerkschaften nicht wegzudenken sind und ihre Unterstützung bitter nötig ist. (14) Die Ausfälle im Bildungssystem sind erschreckend.
Einmal Prügelknabe, immer Prügelknabe, weil die Denunziationen unter Kollegen kein Ende finden wollen. Stets hinter vorgehaltener Hand. Gilt es doch im Kampf um Deutungshoheit - im filigranen Geflecht zwischen Schulleitung, dem untergeordneten Lehrpersonal, den Schülern und deren Eltern so wie der Schulbehörde - stets den „richtigen“ Weg zu finden, was aber aufgrund autoritär hierarchischer Strukturen sowie fehlender Besonnenheit und Vernunft oft gar nicht recht gelingen mag. Somit sollte sich keiner wundern, dass der Burnout zum verlässlichen Partner im Lehrerberuf geworden ist. (15)
Permanente Hilflosigkeit
In einer Nachbetrachtung mit Schulleitenden hieß es anschließend bei Markus Lanz: “Das System ist offensichtlich dysfunktional (…) Das System ist überfordert“. (16) In dieser fachlich kompetenten Runde wurde klar herausgestellt, welche Defizite das deutsche Bildungssystem zu ertragen hat, wie belastend es für das Lehrpersonal insgesamt und wie wenig Hilfe von der Politik selbst zu erwarten ist. Letzteres deshalb, weil man dort nicht bereit ist, über grundsätzlich neue Ansätze und strategische Ausrichtungen nachzudenken. Den Verantwortlichen ist allzu klar, dass Wahlen mit der öffentlichen Diskussion über die Bildungspolitik nur verloren gehen können. Die politische Vereinbarung im Bildungsbereich mit der Bezeichnung „Schulfrieden“ schützt nun vor Abstrafung durch die Wähler. (17) Lautstarkes Schweigen ist angesagt. Folglich erweist sich die Wahrheit über nachhaltige Lösungsansätze im Bildungsbereich als eine der unbequemsten überhaupt: Politiker nach dem Vorbild Willy Brands, Gerhardt Schröder oder Helmut Kohls etc., die noch über die Wahlperiode heraus blickten, gibt es heute nicht mehr. Unter dieser Prämisse wird es somit auch keine nachhaltigen Lösungsansätze geben, um das deutsche Bildungssystem aus der sich vertiefenden Krise zu verhelfen.
Das ist der Kern, der erklärt, warum die Bildungsrepublik immer wieder gegen die Wand fährt, wobei das Ende der Fahnenstange bereits erreicht ist. Zum Leidwesen der dort Beschäftigten, von denen viele am Ende ihrer Kräfte sind. Das hat sich herumgesprochen. Wer noch nicht gemerkt hat, warum es immer weniger Lehrernachwuchs gibt, der hat den Schuss noch nicht mitbekommen.
Alles soll so bleiben, wie es ist
Obwohl in den Medien stark unterbelichtet, wird die Gewalt allzu oft von wirtschaftlichen, strukturellen und systemischen Zwängen bestimmt, für die in der Regel die interessensgesteuerte Politik verantwortlich zeigt. Unter Berücksichtigung all dieser Gesichtspunkte ließen sich die Probleme der heutigen Zeit ganz anders – und vor allem nachhaltiger - analysieren, zudem auch ganzheitlich lösen. Entgegen aller medial verkündeten Symbolrezepte ohne repräsentative Grundlagen. Letztere betreffen vor allem Ereignishorizonte der singulären Art.
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Gemeint sind hochemotionale Fallbeispiele. Garniert vermittelt mit hochstilisierter Hysterie inklusiv singulärer Lösungsansätze in der Arena des lautstark geframten Palavers. Und wie am Beispiel der Karolina-Burger-Realschule in Ludwigshafen gezeigt, müssen deren Umsetzungen letztendlich nur im Sande verlaufen, weil die allgemeine Akzeptanz von vorherein zum Scheitern verurteilt ist.
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Wenn es also um die öffentliche Diskussion über Gewalt „gegen Mitarbeiter von Feuerwehren, Rettungsdiensten und Polizei“, aber auch gegen, Krankenausmitarbeiter, Zugbegleiter und Lehrer etc. geht, so gilt der Satz: „Alles hat seine Zeit“ mit dem ergänzenden Hinweis: „… und es soll so bleiben, wie es ist“! Auch dann, wenn hier und da „Plakate für mehr Respekt“ mahnen sollen. (18) Die Vielfalt solcher symbolpolitischen Ideen ist unendlich.
Dabei ist der Sachverhalt eigentlich glasklar. So schreibt die Münsterländische Tageszeitung am 11.04.2026 über die Fälle von Gewalt an gegen Lehrer: „Lehrer werden hierzulande immer häufiger Opfer von Körperverletzung und anderer Gewalt. Die aktuellen Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik sind alarmierend: 2024 wurden bundesweit 1.283 Fälle vorsätzlicher einfacher Körperverletzung gegen Lehrkräfte registriert – 2015 waren es noch 268“. Das zeigt eine Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), die einen Zeitraum von zehn Jahren umfasst. Danach stieg die Zahl der Fälle, in denen Lehrkräfte als Opfer vorsätzlicher einfacher Körperverletzung aktenkundig wurden, 2024 auf 1283. 2015 bis 2023 meldeten die Polizeibehörden der Länder zwischen 717 und 1.017 Fälle ans Bundeskriminalamt (BKA)“. (19)
Alles korrekt! Aber zum Schluss heißt der altbewährte Lösungsansatz von den Grünen und vielen anderen in Dauerschleife: „Es ist höchste Zeit für wirksame Schutzkonzepte.“ (20) Schutzkonzepte hin oder her: Zur juristischen Aufarbeitung der Messerattacke an der Karolina-Burger-Realschule in Ludwigshafen heißt es aktuell: „Das Gericht stellt bei einer 17-Jährigen Schuldunfähigkeit fest, das Urteil ist nicht rechtskräftig. Jetzt muss der BGH entscheiden“. (21)
Nun endlich sollte sich jeder an Goethes Einlassung auf leere Floskeln erinnern, die intellektuelle Notbremse ziehen und sich bei so viel politischem Palaver zugestehen: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“. (22) Und die Situation ist so wie sie ist: Geschichtsträchtig, nachhaltig und ergebnislos! Deshalb, weil sich nahezu jeder Politiker öffentlich kämpferisch gibt, sich aber gleichzeitig selbst im Verborgenen eingesteht, kein Rückgrat zu haben, welches zu zerschlagen sei. Ob in diesem Zusammenhang der Begriff „Eierarsch“ angebracht ist, weiß nur die FDP. (23)
NEIN zur Gewalt
Herr Keuner sprach sich gegen die Gewalt aus. Doch plötzlich stand sie hinter ihm und fragte: „Was sagtest Du? Herr Keuner antwortete: „Ich sprach mich für die Gewalt aus“. Später illustrierte seinen Schülern mittels einer Geschichte, dass er kein Rückgrat habe, welches zu zerschlagen sei. Demnach müsse er länger leben als die Gewalt. Danach könne er aufatmen, weil er der Gewalt von nun an nicht mehr dienen müsse. (24)
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Was Berthold Brecht in seiner Parabel hier mitteilt, ist ein uraltes Phänomen und aktuell zugleich. In einer Geschichte, die von irgendeinem Menschen handelt, der sich in den Fängen einer scheinbar unbesiegbaren Übermacht befindet, die man durch eine kluge Überlebensstrategie aussitzen müsse.
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Mit der Botschaft, die Natur der Zeit nage an dieser Übermacht, so dass sich diese letztendlich von selbst erledigt. Zu Brechts Parabel gibt es weitere sozial und psychologisch aufschlussreiche Botschaften, die sich in vielen weiteren Interpretationsansätzen finden lassen. (25)
Ob bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt, aktiv oder passiv wirkend: Gewalt ist stets zielorientiert. Nicht nur in der Rechtswissenschaft gibt es weitere Klassifizierungen zur Gewalt, (26) bis hin zu Kombinationen, die sich im westlichen Kulturraum vermehrt zu komplexeren Bedeutungsmustern singulärer Sichtweisen aufreihen. Also Sichtweisen, deren Blicke sich auf spezielle Ereignisse richten, so dass - bei noch so viel Palaver - umfassende Lösungen stets ausgeschlossen bleiben. Die dann als Allheilmittel verkauften Aktionen beschränken sich auf dem Niveau symbolpolitischer Maßnahmen, die keiner verstehen kann, da sie sich zuletzt als wirkungslos entpuppen.
Durch die komplexeren Bedeutungsmuster verschärfen sich die Grenzen zwischen Moral und Unmoral sowie zwischen Freund und Feind, während sich die öffentliche Stimmung im Durcheinander des hochtönigen Palavers um die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Normen weiter aufheizt. Dass diese Ansätze nicht immer philanthropischen, sondern interessengeleiteten Einstellungen entspringen, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Vielmehr gelten diese von Anfang an als unumstößliche Wahrheiten– ohne belastbare Beweise, ohne kritische Prüfung, ohne Raum für Zweifel. Widerspruch? Nein, trotz besserer Argumente zunehmend unerwünscht oder auch sanktioniert! Im tiefen Inneren regt sich Widerstand, der aber nicht wirksam werden darf. Die „Equlibration“ (27) des Geistes bleibt aus. Der Mechanismus hierzu ist zerstört. Das innere Ungleichgewicht wird zum Dauerzustand einer ganzen Gesellschaft. Mit verheerenden Folgen für die seelischen Strukturen. Der Schaden hat sich manifestiert. Vergleichbar mit einem Trauma chronischer Art. Damit einhergehend nicht nur Resignation, sondern auch das Erwachen von Gewaltpotenzialen. Der erzwungene Stopp der „Equlibration“ sucht den Ausgleich auf anderen Wegen.
So leiden immer mehr Kinder an Schäden ihres psychischen Daseins. Demzufolge heißt es: „Psychische Belastung bei Kindern und Jugendlichen steigt erstmals nach [Corona-]Pandemie wieder an“. (28) Gleichzeitig wird verlautet: „Gewalttaten nehmen weiter zu“. Erklärend heißt es weiter: „Angst als Ursache“. (29)
Narrative aus dem Nichts
Bei all den Problemen und all den damit angedachten Lösungsansätzen, nicht nur bei der zunehmenden Gewalt in der Schule: „Wir müssen uns klar werden, welchen Staat wir wollen: einen steuernden Staat, der möglichst viele Lebensbereiche aktiv regelt und gestaltet – oder einen ermöglichenden Staat, der Leitplanken vorgibt, innerhalb derer sich Gesellschaft und Individuen eigenverantwortlich bewegen können“. Dennoch gilt: „Überregulierung beginnt dort, wo Regeln mehr kosten als nützen (…) Manchmal reicht es schon, wenn sich der gesellschaftliche Konsens darüber verändert, was geht und was nicht“. (30)
Das alles aber braucht Kraft, die sich nur durch Solidarität generieren lässt. Letztere ist leider nicht vorhanden, wie viele der genannten Beispiele zeigen. Was den Kraftlosen schließlich bleibt, ist den einfache Weg zu gehen. Anführt von einer kreativen Politik, die mit Hilfe der Medien ihre eigenen Themen vorgibt und diese mit Narrativen garniert. In der Rolle eines steuernden Staates, „(…) der möglichst viele Lebensbereiche aktiv regelt und gestaltet (…).“ (31) Womöglich als vorauseilende Schutzmaßnahme seiner selbst, um zu vermeiden, dass sein eigenes Rückgrat zerschlagen wird, anstatt einen Staat zu ermöglichen, „der Leitplanken vorgibt, innerhalb derer sich Gesellschaft und Individuen eigenverantwortlich bewegen können“. (32)
War es noch vor 10 bis 15 Jahren noch so, dass Verstöße gegen Verordnungen gegen geltendes Recht oder gegen die kulturellen Werte die Ausnahme waren, so sind sie heute die Regel. In Folge hat die Politik nichts anderes im Sinn, als mit immer fein gesponnenen Gesetzen immer kleinere Löcher zu stopfen. Also zunehmend im singulären Bereich. Ohne eine juristische Klärung abzuwarten und damit nicht überzeugen kann. (33) Gepusht von so manchen politisch übereifrigen Ortsfürsten mit ihren Unkenrufen nach mehr, mehr, mehr. Geleitet durch ein Gerechtigkeitsempfinden der dystopischen Art. Gespickt von Narrativen aus dem Nichts. Einer Kriegserklärung gegen die eigenen Bürger. Das aber widerspricht dem ethischen Ansatz von Staatsmacht, der ein übergeordneter ist und damit seinem Einflussbereich klare Grenzen setzen sollte.
Während die Gesetzgebung durch das Klein-Klein immer filigraner ausgestaltet wird, bleiben die wirklich großen Fälle auf der Strecke. Und das gezielt. Erinnert sei nur an den Fall Anne Brorhilker, einer Oberstaatsanwältin, die gegen Steuerhinterziehungen im großen Stil ermittelte. „Sie brachte Licht ins Dunkel illegaler Geschäfte, mit denen der Staat um Milliarden betrogen wurde. Rund 1700 Beschuldigte hatte sie dabei im Visier, gleichzeitig musste sie immer wieder mit Personalmangel in ihrer Behörde und fehlender Unterstützung durch Politik und Verwaltung kämpfen“. (34) Zuletzt kündigte Brorhilker frustriert ihren Job. (35) Vor diesem ambivalenten Hintergrund bleibt zu fragen, wie viel öffentliches Vertrauen dem Staat noch bleibt.
Gewalt am Anfang - Bildungssystem am Ende
Schulschließungen im Corona-Lockdown, sinkender Wohlstand, Feindbilder und Kriegsrhetorik, Angst vor Krieg und Tod: Das alles beeinflusst nicht nur die, die im Bildungsbereich beschäftigt sind, sondern auch diejenigen, die sich emotional mit diesem verbunden fühlen. Letztere sind die Erziehungsberechtigten der betroffenen Schüler/innen sowie deren weiteres Umfeld. Die Zeichen stehen auf Zerstörung, einer Schädigung ungeahnten Ausmaßes. Kurz: So standen die Zeichen der letzten Jahre auf Gewalt und sie stehen immer deutlicher darauf. Genau das prägt eine abstürzende und traumatisierte Gesellschaft, die nunmehr dringend Hilfe bräuchte. Doch die ist nicht in Sicht.
„Tatsächlich ist es doch so: Auf Bundesebene gelten heute mehr als 1700 Gesetze sowie mehr als 2800 Rechtsverordnungen“. (36) Doch diese lassen keine Besserung der prekären Situation erkennen. Die Devise heißt: Einmal und immer wieder gegen die Wand. Im bildungspolitischen Bereich wird diese beispielsweise mit der Novellierung des niedersächsischen Schulgesetzes abgegolten. Die Novellierung soll ab 2026 in die niedersächsischen Schulen Einzug halten. Einhergehend die Schaffung neuer Freiräume für Schülerinnen und Schüler. (37) Ob mit der Schaffung dieser neuer Freiräume eine Art Gewaltprävention greifen soll, bleibt im Dunkeln, wie schon zuvor das Thema „Gewalt an Schulen“.
Die Freiräume beziehen sich vielmehr auf die Modernität der Gegenwart. Der Zeitgeist fordert die Präferenz des digitalen Lernens mit „Künstlicher Intelligenz“, einer Bildungs-Ideologie, die am Ende die Grenzen zwischen Virtualität und Realität verwischen wird. Als Ergebnis kristallisiert sich die Verharmlosung der realen Gewalt heraus. Mit der Folge, dass Gewalt in Form von Kriegen nur ein Abenteuer-Erlebnis werden kann, wenn man begeistert daran teilnimmt. Der Dämon des virtuellen Erlebnisses lässt grüßen.
Nunmehr auch im erweiterten Bildungsbereich: „Während die Bundeswehr privilegierten zu Schulen hat, bleibt Friedensbildung marginalisiert. Wer von neutraler Bildung spricht, sollte sich fragen, wessen Perspektive hier eigentlich vermittelt wird“. (38)
Auf der anderen Seite steht die Kontrolle der vermittelten Lerninhalte. Diese erfolgt durch Leistungsbewertung der Schüler in Form von Noten zwischen 1 und 6. Doch gerade diese wird durch vermehrte „Freiräume des Lernens“ zum Debakel: Der Druck auf die Entscheidungsträger ist mittlerweile so hoch, dass die inflationäre Noten-Vergabe nur noch auf Unverständnis stößt. (39) Inzwischen haben sowohl mittelständige Betriebe als auch die Schüsselindustrien die Diskrepanz zwischen Papierwerten und tatsächlicher Qualifikationen erkannt. (40) Was das Bildungssystem verspricht, kann es schon lange nicht mehr halten.
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Aufgrund der aktuellen Notengebung scheint das Bildungsniveau in der Bevölkerung zumindest so hoch wie noch nie zu sein. Doch aus Sicht von Experten und Unternehmern haben sich die Curricula – besonders in der Sekundarstufe - mit der Durchdringung von Spezialthemen und der vorzugsweisen Hinwendung zum sozialen Lernen vom Allgemeinbildungsauftrag erfolgreicher Industriestaaten verabschiedet.
Schule mutiert zum Ort des Bulimie-Lernens. (41) Grundfähigkeiten und zusammenhangorientierte Denkansätze verkümmern zunehmend. Zuletzt bleiben Narrative unhinterfragt, da die Unterschiede zwischen Realität und Ideologie nicht mehr erfassbar sind. Beide verschmelzen – wie auch Virtualität und Realität - zu ein und demselben, wobei „Rosemaries Baby“ (42) nun „Virtuelle Realität“ heißt. Von nun an stehen der Manipulation Tür und Tor offen. Belobigt und konditioniert durch inflationär betonte Notengebung. Zur Zufriedenheit fast aller!
Erziehung ist ein Mittel zur Bildung, Manipulation eines zur Gewalt.
Somit bleibt das Gewaltproblem – wie viele andere auch – ungelöst.
Wo bleiben Respekt, Besonnenheit und Vernunft?
Wohin das letztendlich führen wird, mag man sich nicht ausdenken!
Quellen GaS
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