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Teurer als 1,5 Prozent

 

FragwĂŒrdige Entscheidung im

Lockdown der Corona-Krise

 

Bau-Zwang KfW 40?

 

HFB-20-06-04

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Umwelt und Klima umfasst sind schĂŒtzenwerte GĂŒter. Doch die sind hochgradig belastet. Noch immer erkennen nicht alle Menschen dieses Problem. Oft beherrschen sehr emotionale Meinungen die Diskussion darĂŒber. Was mehr in den Vordergrund treten muss, sind Fakten. Voraussetzung hierzu ist gute Bildung. Somit sollte die Erkenntnis wachsen, dass z.B. energiesparende Eigenheime zum Schutz der Natur beitragen. Es heißt, der Baustandart KfW 40 sei umweltfreundlicher als der Standard KfW 55. Diesem normierten Ideal kann keiner widersprechen. Zumindest bei isolierter Betrachtung. FĂŒr Bauherren aber zĂ€hlt auch der Preis, der fĂŒr die Errichtung eines Eigenheimes fĂ€llig ist. Mit dem Baustandard KfW 40 kann Energie eingespart werden. Ob damit auch Geld eingespart werden kann, ist nicht von vornherein klar. Man muss vor allem fragen, ob die angeblich gĂŒnstigen Kredite und ZuschĂŒsse der Kreditanstalt fĂŒr Wiederaufbau die Mehrkosten des Standards KfW 40 zufriedenstellend kompensieren.

Finanzfachleute und Bauunternehmer weisen darauf hin, dass sich dieser Standard nicht fĂŒr jeden Bauherren auszahlt. Aufgrund der höheren Investitionskosten werden Bauherren zunĂ€chst höher belastet. FĂŒr bauwillige Familien kann das bedeuten, dass sie aufgrund der Mehrkosten ausgegrenzt werden. FĂŒr sie wird der Bau eines Eigenheimes geradezu unerschwinglich. WĂ€hrend sich die Stadt Cloppenburg, die „familiengerechte Kommune“ (1), in den vergangenen Jahren stets mit dem Verkauf von GrundstĂŒcken zu einem sozialvertrĂ€glichen Preis rĂŒhmte, wird der finanziell aufwĂ€ndigere KfW-40-Standard nun zur Pflicht. Das Bauen verteuert sich!

 

In der Cloppenburger Stadtratssitzung am 25. Mai 2020 wurde FraktionsĂŒbergreifend dieser der KfW Standard 40  fĂŒr die Bauleitplanungen Nr. 141 „Krapendorfer KĂ€mpe“, Nr. 90 I "SĂŒdlich Freesienstr./Ziegelhofstr.“ und Nr. 133 "Nördlich Cappelner Damm/Östliche Efeustraße beschlossen. Die Beschlussfassung, den KfW-40-Standard verbindlich einzufĂŒhren, erfolgte ohne die sozialen Auswirkungen ernsthaft analysiert zu haben.

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(2)  (3)

Da der Baustandard KfW 40 teurer als der KfW 55 ist, haben Bauinteressenten mit deutlich höheren Investitionen zu rechnen. Die Mehrkosten sind im zweistelligen Bereich anzusiedeln. Weiter ist davon auszugehen, dass das Bauvorhaben in den meisten FĂ€llen nur mit einem Kredit in sechsstelliger Höhe umsetzbar ist. Die Tilgungszeit mit einem garantiert (!) festen Zinssatz kann sich insgesamt ĂŒber 30 Jahre erstrecken. Es nach einer RĂŒckzahlung kommen mögliche KfW-VergĂŒnstigungen endgĂŒltig zum Tragen. Es ist keinesfalls so, dass zu Anfang ZuschĂŒsse in Höhe von z.B. 24.000 Euro ausbezahlt werden. Die zeitlichen AblĂ€ufe der Zuschusszuwendungen sind daher andere, als es im Pressebericht ĂŒber den Redebeitrag des Fraktionschefs der GrĂŒnen, Michael JĂ€ger, suggeriert wurde. (4) Anzumerken ist zudem, dass die Kredite der KfW-Bank nicht die vollen Investitionskosten decken. Diese Kredite sind begrenzt und somit auch ihre Vorteile!

„Dieses [KfW 40 / KfW 40 plus] Programm beinhaltet einen zinsgĂŒnstigen Kredit in Höhe (…) von bis zu 30.000 Euro. Ein solcher Zuschuss zur Tilgung wird einmalig gewĂ€hrt, muss nicht zurĂŒck bezahlt werden und wird direkt von der Restschuld abgezogen“, so die Auskunft eines Finanzberaters (5). Demnach besteht ein Teil des Zuschusses darin, den Zeitraum der KreditrĂŒckzahlungen inkl. der Zins- und Zinseszinszahlungen je nach Abschlagsbetrag um ca. 18 Monate zu verkĂŒrzen.

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(6)

Die versprochenen KfW-Vorteile fallen unterschiedlich aus. Im Einzelfall sind Kredite, Zinsen, Zinseszinsen, Laufzeiten sowie allgemeine und persönliche UmstĂ€nde der Bauherren zu betrachten. Laut GrĂŒnenchef JĂ€ger sollten definitiv (!) nur 1,5 Prozent Mehrkosten anfallen. Die normierte Vorgabe, die Herr JĂ€ger somit als Ideal dahinstellt, gibt es nicht. Schon gar nicht in der heutigen Zeit. Das KfW-System hat aufgrund gewisser UmstĂ€nde teilweise ausgedient. Es muss mit niedrigen ZinsĂ€tzen anderer BankhĂ€user und SteuervergĂŒnstigungen allgemeiner Art konkurrieren. Bei einem Investitionsvolumen zwischen 400.000 Euro und 500.000 Euro fĂŒr ein Eigenheim sollte der Abschluss eines Kreditvertrags gut ĂŒberlegt sein. Erst recht, wenn wenig oder kein Eigenkapital zur VerfĂŒgung steht. Das betrifft der UmstĂ€nde halber vor allem junge Familien. 

Die Debatte ĂŒber die verbindliche Festlegung des Standards KfW 40 war geprĂ€gt durch ein alternativloses Stimmungsbild. Eine Meinung, die absolutistisch im Raum stand. Unbedeutend das Wissen um prĂ€gende ZusammenhĂ€nge. Jede Gegenrede verhallte ungehört, so der Eindruck.

„GrĂŒnen-Chef JĂ€ger wies die Zahlen von Bergmann als völlig ĂŒberzogen zurĂŒck. „Zudem könnten Bauwillige fĂŒr ein KfW-40-Haus von der Kreditanstalt fĂŒr Wiederaufbau Darlehen bis zu 100.000 Euro – zu einem Zinssatz von 0,75 Prozent – und einen Zuschuss von 24.000 Euro bekommen. Außerdem dĂŒrften sich die neuen Hausbesitzer ĂŒber wesentlich niedrigere Heizkosten freuen.““ (7)

Unfassbar, dass die Lokalpresse die Unisono-Meinung unkritisch ĂŒbernahm und diese anschließend ohne Faktencheck deutlich aufgerĂŒhrt unter ihre Leser verteilte. Die von der Lokalpresse unwidersprochene Rechnung der GrĂŒnen Fraktion lautet wie folgt: Die Bauherren, die den Standard KfW 40 gegenĂŒber dem KfW 55 bevorzugten, mĂŒssten mit einem finanziellen Mehraufwand von 1,5 Prozent rechnen. Obwohl bauliche Mehrkosten anfallen wĂŒrden, sparten sie ĂŒber (viele) Jahre 20 Prozent der Energiekosten ein. Zudem seien gĂŒnstigere Zinsen und Fördergelder auf Antrag möglich. Konkret sprach der Fraktionsvorsitzende der GrĂŒnen in der Ratssitzung (25. Mai 2020) von einem 0,75 prozentigen Zinssatz fĂŒr einen Kredit in einer Höhe bis zu 100.000 Euro und einer Fördersumme in Höhe von 24.000 Euro. Soweit das Ideal! Dass spezifische ZusammenhĂ€nge, wie z.B. die sehr viel höheren Investitionskosten, erst gar nicht zur Sprache kamen, dĂŒrfte aufgrund der oben genannten Informationen deutlich werden. Wenn sich ĂŒber Jahre hinweg, möglicherweise ĂŒber Jahrzehnte, diese höheren Investitionskosten kompensieren lassen, dann ginge die Rechnung JĂ€gers samt seiner CDU- und SPD-AnhĂ€nger auf. Wenn nicht? Pech gehabt!

Die Bedenken, die in der Ratssitzung keinen Anklang fanden, veröffentlichte die MĂŒnsterlĂ€ndische Tageszeitung am 2. Juni 2020. (8) “Daumenwerte zu grob”, so der Hinweis des ansatzweise pseudokritischen Artikels. Verbogen durch den Tenor, GrĂŒne-und Sozialdemokraten lĂ€gen mit ihren “1,5 Prozent Mehrkosten” zwar daneben, aber ihr Kritiker mit seinem Hinweis auf “15 Prozent-Mehrkosten” umso mehr! Kein Wort darĂŒber, dass laut Satzung des Cloppenburger Rates ein maximal 10-minĂŒtiges Rederecht gewĂ€hrt ist und die quasi-wissenschaftlichen Belege gelegentlich von Experten in den FachausschĂŒssen erörtert werden. Keine Rede davon, dass aufgrund der Corona-Krise FachausschĂŒsse weit ĂŒber den 25. Mai hinaus nicht stattgefunden haben. Die Fraktionsvorsitzenden haben sich quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit zusammengefunden, um eine einsame Entscheidung ĂŒber den KfW-40-Standard inklusiv der dazugehörigen Sanktionsmaßnahmen fĂŒr VerstĂ¶ĂŸe gegen KfW-Auflagen zu treffen. (9) 

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(10)

Kein Wort darĂŒber, dass CDU- und UWG-Fraktion dem Argument „1,5 Prozent“ nichts entgegenzusetzen hatten. Auch nicht darĂŒber, dass die die Antiöko-Fraktion CDU ihren Fraktionsvorsitzenden im Zickzack-Kurs vor sich hertreibt, um den großen Diener, vor allem vor den GrĂŒnen, zu rechtfertigen. Das in einer Tageszeitung, deren Botschaften, wie in vielen anderen Tageszeitungen auch, montags am wenigsten Verbreitung finden. Fraglich, zu wessen Zweck dieser Artikel geschrieben wurde.

Doch was wĂ€re die Presse ohne das Ping-Pong-Raster der fortgesetzten Ratsdebatte. „Daumenwerte (…) zu grob“ (11) war dann doch zu viel und GrĂŒnenchef JĂ€ger eine Reaktion wert. Dieser zeigte sich gelĂ€utert und nun offen fĂŒr individuelle UmstĂ€nde des tĂ€glichen Lebens. UmstĂ€nde, die die tatsĂ€chlichen Vorteile der KfW-Hilfen bestimmen. In einem Pressenachschlag schreibt er: „Mehrkosten liegen höher als 1,5 Prozent (...) ZusĂ€tzlicher Aufwand fĂŒr KfW 40 sie schwer zu beziffern“. (12) Vergessen der 1,5 Mythos, der bereits seit MĂ€rz als unverrĂŒckbare GrĂ¶ĂŸe durch die Presse geisterte. (13)

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(14)

UnabhĂ€ngig davon, welche finanziellen und ökologischen Vor- und Nachteile mit dem Standard KfW-40verbunden sind, sollte der Blick auf den grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang nicht fehlen. Dann nĂ€mlich kann die Ausgewogenheit des nunmehr gefassten Ratsbeschlusses beleuchtet werden.

ZunĂ€chst ist festzustellen, dass neben dem LKW-Verkehr, vor allem im Transitbereich, dem maritimen Frachtverkehr inkl. Kreuzfahrten und der Landwirtschaft (15) insgesamt die Bauwirtschaft mit einer der grĂ¶ĂŸten Emittenten von Schadstoffen ist. (16) So ist z.B. die Herstellung von Zement, Mauerwerk oder Dachziegel mit einem erschreckend hohen Energieaufwand verbunden. In diesem Zusammenhang sollte es als widersinnig gelten, auf der einen Seite die höchsten umweltbelastenden Industrien zu subventionieren und auf der anderen Seite viel Geld fĂŒr den Umweltschutz auszugeben, wobei die Masse der „kleinen Leute“ unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig oft zur Kasse gebeten wird. Sei es durch höhere GebĂŒhren, durch Mehrkosten aufgrund restriktiver ökologischer Verordnungen oder durch steigende Energiekosten. Zuletzt richtig zur Kasse gebeten durch die Mehrwertsteuer in Höhe von 19 Prozent und summa summarum durch die allgemeine Abgabenquote von 53 Prozent.Im Zusammenhang mit der Eigenheimfinanzierung darf besonders das fiskalische Umfeld nicht unter den Tisch fallen, mit dem es die Menschen in der gegenwĂ€rtigen Zeit zu tun haben. Galten Geldvermögen vor wenigen Jahren noch als lukrative Einkommensquelle fĂŒr Sparer, so ist dieser Vorteil heute dahin. (17) Die immer noch vorherrschende lockere Geldpolitik der EZB, aber auch der FED, fĂŒhrt zu einer Geldschwemme mit ungeahnten Ausmaßen. Das Geld, sei es fĂŒr ZuschĂŒsse oder Darlehen, wird ausschließlich gedruckt und ist seit dem Abkommen in Bretton Woods ohne reale Deckung. (18) Die aktuelle Diskussion ĂŒber die gemeinschaftlichen Schulden in der Corona-Krise in Höhe von 750 Milliarden Euro erweist sich als dĂŒsterer Vorbote dafĂŒr, dass es mit dem Euro nur noch weiter abwĂ€rts gehen kann. (19)

Seit der Geldschwemme in der EU sind die Kreditzinsen sehr stark gesunken. Sie liegen bei verschiedenen Anbietern weit unter 0,75 Prozent, wenn es sich um nicht mehr als 15-jĂ€hrige Laufzeiten handelt. Insofern sind die Zinsbedingungen der KfW-Bank fĂŒr sich allein nicht unbedingt wettbewerbsfĂ€hig. (20) Aber Vorsicht: Bei der Baufinanzierung sollte stets mit dem effektiven Zins gerechnet werden, der aufgrund der Zinskosten auch den Zinseszins berĂŒcksichtigt. Schon bei der Nennung der Zinshöhe (0,75 Prozent) bleibt Herr JĂ€ger in seiner Widerrede Ă€ußerst schwammig. Es sollte seinem Publikum nicht vorenthalten, dass der effektive Zinssatz höher ausfĂ€llt und andere Banken vorteilhaftere Zinsangebote fĂŒr Kredite ausschreiben.

Auch in Cloppenburg sind BaugrundstĂŒcke von der Stadt selbst nicht mehr unter 100.000 Euro zu bekommen. Allein der Hausbau wird i.d.R. mit 300.000 Euro zu veranschlagen sein. Hinzu kommen Baunebenkosten der verschiedensten Art. Somit kann einem Investitionsvolumen zwischen 400.000 Euro und 500.000 Euro ausgegangen werden. Ein Darlehen von 100.000 Euro ist bei einer Gesamtinvestition von bis zu 500.000 Euro ein Witz. Letzteren aber konnte Herr JĂ€ger in der Sitzung des Cloppenburger Rates erfolgreich verkaufen. Dass 100.000 Euro fĂŒr Bauwillige ohne Eigenkapital und ohne Erbe oder Schenkung in der heutigen Zeit nicht ausreichen, liegt auf der Hand.

Mit dem Ratsbeschluss, den Standard KfW 40 verbindlich zu machen, bleiben nun immer mehr bauwillige Familien nun außen vor. Durch massive Verteuerung der privaten KfW40-Bauvorhaben sind viel Interessenten nicht mehr „wettbewerbsfĂ€hig“. Die EinschrĂ€nkung der WettbewerbsfĂ€higkeit begann bereits im  Jahr 2004. Zu dieser wurde die Eigenheimzulage u.a. von den GrĂŒnen im Zusammenhang mit Agenda-2010-Reform abgeschafft. (21) FederfĂŒhrend die damalig rot-grĂŒne Bundesregierung, unter deren Regie, neben EinschrĂ€nkungen bei der Rentenzahlung, bei den Sozialleistungen und dem Bau von Sozialwohnungen, der grĂ¶ĂŸte Niedriglohnsektor Europas geschaffen wurde. In diesem Rahmen mĂŒssten die strukturellen Verteuerungen des KfW-40- Standards unter BerĂŒcksichtigung der Realwerte inklusiv derer Kaufkraft betrachtet werden.

Wie es aktuell finanziell mit vielen dieser oft sehr jungen Familien in der „Neuen NormalitĂ€t“ („Neue NormalitĂ€t“ gilt als abgedroschener Begriff, der immer wieder neu aufgelegt wird. (22) nach der „Agenda 2010“ steht, sei im Folgenden illustriert:

Im Jahr 2019 betrug der Netto-Arbeitslohn je ledigem Arbeitnehmer ohne Kinder (Steuerklasse I/0) durchschnittlich 23.663 Euro (SchĂ€tzung). Das macht einen Betrag von 1.972 Euro pro Monat. Auf Niedersachsen bezogen ergibt sich ein Jahresdurchschnitt von 20.169 Euro. Das ist ein Betrag von 1.681 Euro pro Monat. (23) Das Lohnniveau in Niedersachsen betrĂ€gt 91,8 Prozent, also gute 8 Prozent unter dem Lohnniveau (100 Prozent) von Deutschland insgesamt. (24) Weiter geht es mit der Betrachtung des Vermögens einer Person in Deutschland. Es betrĂ€gt im Mittel 35.313 US-Dollar (ca. 32.000 Euro). Das ist mit eines der geringsten Prokopfvermögen in Europa. (25) Die durchschnittliche Verschuldung liegt bei 28.244 Euro. (26) Es dĂŒrfte klar sein, dass diese Verschuldung besonders einkommensschwache Personenkriese betrifft.

Die Corona-Krise hat diese Situation, besonders im Rahmen der Agenda 2010, noch weiter verschĂ€rft. Lohneinbußen durch unerwartete Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit werfen viele Bauwillige aus dem Rennen. Sie zumindest können froh sein, dass sie als mögliche Schuldner noch nicht in der RĂŒckzahlungspflicht sind, die ihnen wirtschaftlich Kopf und Kragen und schließlich ihr neues Eigenheim kosten könnte. Im Übrigen sind die „kleinen Leute“ nicht die Lufthansa (27), bei denen ein Totalausfall durch eine Einmalhilfe in Höhe von mehreren Milliarden Euro und fragwĂŒrdigen Konditionen vermieden werden soll.

In der heutigen Zeit der Niedriglöhne, der krassen Nullzinspolitik, der fehlenden Sozialwohnungen und der horrenden Mietsteigerungen ist es den meisten Familien kaum möglich, einen angemessenen Betrag zu sparen, der gemeinhin als Eigenkapital fĂŒr den Kauf oder den Bau einer Eigenheimimmobilie einzusetzen wĂ€re.

Dass immer mehr Kreditfinanzierungen ohne das eigentlich sinnvolle Eigenkapital erfolgen, dĂŒrfte auf der Hand liegen. Das ist bei dem Kauf von Neuwagen und dem Erwerb vielen anderen Dingen so. So auch bei der Baufinanzierung! In bauwilligen jungen Familien zĂ€hlen die Doppelverdiener, wobei ein Gehalt –wenn auch knapp bemessen- fĂŒr die Tilgung des Darlehns herhalten muss. Ohne Eigenkapital sind 30-jahre Tilgungszeit nicht unrealistisch, wenn die ZinssĂ€tze nachhaltig Bestand haben sollen und die Kreditverbindlichkeiten unverkĂ€uflich beim selben Bankhaus bleiben sollen. (28)

Bevor es zu VergĂŒnstigungen durch TilgungszuschĂŒsse kommt, sind Mehrkosten fĂŒr den KfW-40-Standard vorprogrammiert. VergĂŒnstigungen kommen erst nach Jahren zu Geltung, z.B. durch eine moderate VerkĂŒrzung der Tilgungszeit. Wer aber zwei oder fast drei Jahrzehnte seinem Kredit dient, muss wissen, dass es eine Inflationsrate gibt, die den geltend gemachten Vorteil stark reduzieren oder sogar auffressen könnte. Denn Nominalgeldwerte sind letztendlich keine Realgeldwerte Das alles erzĂ€hlen die Kreditgeber nicht, denn sie arbeiten stets gewinnorientiert. Nicht anders bei dem stark in der Kritik stehenden Zuschussgeber „Kreditanstalt fĂŒr Wiederaufbau“. (29), deren Rechtsaufsicht das Bundesministerium fĂŒr Finanzen innehat. Banken arbeiten nach streng wirtschaftlichen MaßstĂ€ben, also gewinnorientiert, nunmehr mittelbar unterstĂŒtzt von allen Fraktionen im Cloppenburger Rat.

 

ResĂŒmee

Der Rat der Stadt Cloppenurg hat den Standard KfW 40 verbindlich beschlossen. WĂ€hrend der vorangegangenen politischen Debatte, z.T. unter Ausschluss der Öffentlichkeit, fast vollstĂ€ndig „unterbelichtet“ blieb, dass KfW-ZuschĂŒsse und -Kredite nur begrenzt möglich sind, so dass andere Geldgeber, mit heute konkurrenzfĂ€higen Angeboten, unverzichtbar bleiben. Angebote, die UnwĂ€gbarkeiten variabler Zinsbindungen ausweisen und damit stark risikobehaftet sind, da auch der Bankensektor die Gewinnmaximierung niemals aus den Augen verliert.

In der Nachbetrachtung erweist sich der neuerliche Ratsbeschluss als Ă€ußerst befremdlich. Er ist zunĂ€chst verwaltungstechnisch nicht zu beanstanden, aber demokratisch höchst fragwĂŒrdig zustande gekommen, so dass Fachjuristen ihn noch zerpflĂŒcken könnten.

Beschlossen wurde der Cloppenburger Standard KfW 40 in einer Republik, in der die Reallöhne 20 Prozent unter dem Niveau der Wirtschafsleistung hinterherhinken. Beschlossen im Rahmen von Altersarmut und prekĂ€rer BeschĂ€ftigung, die im Oldenburger MĂŒnsterland gehĂ€uft zu finden ist. Beschlossen in der Corona-Krise, in sich die Lage viel Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer drastisch verschĂ€rft hat. Beschlossen in einer besonderen Situation, in der die FachausschĂŒsse faktisch ausgeschaltet waren und keine fachlich relevante Meinung zum Ausdruck gebracht werden konnten.

In abgeschotteter Manier haben allein die Fraktionsvorsitzenden untereinander entschieden und ihre Fraktionen im einseitig dosierten Nachschlag darĂŒber unterrichtet. Zu spĂ€t fĂŒr den RĂŒckwĂ€rtsgang. Er konnte und durfte nicht mehr eingelegt werden. Blockiert der demokratische Meinungsbildungsprozess. Sowohl nach innen, in der Politik, als auch nach außen, in der Öffentlichkeit. Nichts, aber auch gar nichts davon wurde von der Lokalpresse wirklich kritisch betrachtet, geschweige denn gerĂŒgt.

Dass die Gesamtheit der Fraktionen, d.h. die absolute Mehrheit des Cloppenburger Rates, einer verworrenen Finanzierungslogik bedingungslos und unkritisch folgte, ist unglaublich. Wundersam die zustimmenden Anteilnahme der CDU-Glyphosat-BefĂŒrworter-Fraktion, die seit dem Jahr 2013 RatsbeschlĂŒsse zur Klimaverbesserung in Cloppenburg ausgesessen hat. Zustimmung der Sozialdemokraten? Ja natĂŒrlich: Die Verbeugung konnte nicht tiefer sein! Nicht aus Qualifikation, Relevanz oder gar sozialdemokratischer Ausrichtung. Vielmehr aufgedreht spekulierend auf mediale Zuwendung durch ewige Wiederholungen des Bekenntnisses zur grĂŒnorientierten, wirtschaftlich sozialen, aber totalitĂ€ren Marktwirtschaft. Unter Androhungen, diejenigen Bauherren hart bestrafen zu wollen, die trotz angespannten Budgets ihren KfW-40-Verpflichtungen letztendlich nicht nachkommen können. Mit unter den Keulenschwingern UWG und sozialliberale Fraktion. Bedauern um all die Fraktionsmitglieder, die keine Meinung zum Thema Ă€ußerten und dennoch im Rahmen des Fraktionszwangs ihre Zustimmung gaben. Ein politisches Armutszeugnis zum Nachteil vieler junger Familien, deren grĂ¶ĂŸter Wunsch es ist, ein Eigenheim zu besitzen.

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Quellen

(1) https://cloppenburg.de/familie-soziales/familiengerechte-kommune.php

(2) MT, Kreke, Stadtrat setzt Klimaschutz am Bau in die Tat um, Headline, 26.05.2020.

(3) NWZ, Mensing, Klimaschutz am Bau nun Pflicht, Headline, 27.05.2020.

(4) MT, Kreke, a.a.O., Artikel, 26.05.2020.

(5) https://www.drklein.de/kfw-effizienzhaus-40.html

(6) NWZ, a.a.O., Artikel, 27.05.2020.

(7) https://www.nwzonline.de/cloppenburg/wirtschaft/cloppenburg-stadtrat-beschliesst-massnahmenpaket-klimaschutz-am-bau-ist-in-cloppenburg-nun-pflicht_a_50,8,1596710781.html

(8) MT, Kreke, „Daumenwerte“ aus dem Rat sind zu grob, Auszug, 02.06.2020. 

(9) MT, Kreke, Politik beendet Corona-Starre am 25. Mai, 06.05.2020.

(10) MT, a.a.O., 02.06.2020.

(11) ibidem

(12) MT, Kreke, Michael JÀger: Mehrkosten liegen höher als 1,5 Prozent, 03.06.2020.

(13) MT, Kreke, Klima: Stadt bessert unerreichte Ziele nach, 13.03.2020.

(14) MT, a.a.O., 03.06.2020.

(15) https://www.umweltbundesamt.de/themen/luft/emissionen-von-luftschadstoffen/quellen-der-luftschadstoffe

(16) https://tu-dresden.de/ing/maschinenwesen/imd/bm/forschung/forschungsschwerpunkte/antriebe-und-komponenten/feinstaub

(17) https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoom/zdfzoom-sparen-ade---wer-zahlt-den-preis-fuer-den-niedrigzins-100.html

(18) https://oxiblog.de/1973-markierte-den-zusammenbruch-des-systems-von-bretton-woods-und-den-beginn-des-grossen-neoliberalen-umbruchs/

(19) https://www.vorwaerts.de/artikel/corona-rettungsschirm-eu-klein

(20) https://www.aktuelle-bauzinsen.info

(21) https://www.welt.de/politik/article327692/Abschaffung-der-Eigenheimzulage-beschlossen.html#:~:text=Das%20Kabinett%20beschloss%20am,Hans%20Eichel%20(SPD)%20erklĂ€rte. 

(22) https://www.epochtimes.de/politik/welt/george-soros-leaks-fluechtlingskrise-ist-europas-neue-normalitaet-asylkrise-bietet-soros-stiftung-neue-moeglichkeiten-a1923077.html

(23) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/164047/umfrage/jahresarbeitslohn-in-deutschland-seit-1960/

(24) https://www.gehalt.de/news/gehaltsatlas-2019

(25) https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_LĂ€nder_nach_Vermögen_pro_Kopf  

(26) https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Vermoegen-Schulden/_inhalt.html 

(27) https://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/glosse-was-die-lufthansa-wirklich-mit-den-milliarden-vom-staat-plant-a-1306832.html

(28) https://www.baufoerderer.de/finanzieren-foerdermittel/grundlagenwissen/bank-verkauft-ihren-baukredit-wichtig-anschlussfinanzierung-pruefen

 

 

 

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