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Hey Siri!

Schulausschuss ber├Ąt ├╝ber Einf├╝hrung von Notebooks

Fragw├╝rdiges Medienkonzept vorgestellt

 

HFB-17-11-25

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Die Cloppenburger Grundschulen sollen Notebooks bekommen, die im Unterricht eingesetzt werden. Hierzu trat der Schulausschuss am 15. November 2017 zusammen, um dar├╝ber zu beraten. Die Stadt Cloppenburg ist als Schultr├Ąger verantwortlich f├╝r die Ausstattung von Schulen und stellt finanzielle Mittel hierf├╝r bereit.

 

Wenn sich der Ausschuss ├╝ber die Konzeption informieren l├Ąsst, ist das legitim. Eine solche Konzeption aber als Grundlage f├╝r eine Entscheidung ├╝ber die Bereitstellung von finanziellen Mitteln heranzuziehen, ist ├Ąu├čerst fragw├╝rdig. Es scheint nicht so recht bekannt zu sein, dass die Schulbeh├Ârde ├╝ber den Einsatz von digitalen Medien im Unterricht, z.B. Notebooks, entscheidet. Dem Schultr├Ąger steht es nicht zu, diese Entscheidung in Zweifel zu ziehen. Er hat ausschlie├člich ├╝ber die Bereitstellung der hierzu n├Âtigen finanziellen Mittel und die Organisation zur Umsetzung der beschlossenen Ma├čnahmen zu befinden.

MT-Grundschule-Inest-Notebook-17-01bb

                                  (1)

 

 

Es ist immer wieder erstaunlich, dass ein Bildungskonzept zum einen f├╝r gut befunden wird, wie hier z.B. das Medienkonzept zur Einf├╝hrung von Notebooks in Grundschulen, und zum anderen eines abgelehnt wird, wie z.B. das Konzept der freichristlichen Gemeinde. (2) Schl├╝ssige Begr├╝ndungen waren nicht zu h├Âren.

 

Endloskataloge von Kompetenzen

Somit war es auch kein Wunder, dass der zum Cloppenburger Schulausschuss geladene Experte f├╝r Medienkompetenz in seiner Powerpoint-Pr├Ąsentation einen Spruch nach dem anderen auf der Leinwand abspulten konnte, ohne dass der fragw├╝rdige Ansatz der Pr├Ąsentation kritisch gesehen wurde. Vortragendes Ablesen schien seinem schweigenden Publikum das Unverst├Ąndliche nur noch einzuh├Ąmmern zu wollen. Hierbei ging es um fragw├╝rdige Inhalte, die einer Erkl├Ąrung bedurften. Doch die fiel unter den Tisch. Auch deshalb, weil keine Fragen gestellt wurden. Ganz im Gegenteil: Es kam sogar der Hinweis, dass das Konzept f├╝r gut gehalten werde. Eine Begr├╝ndung gab es hierzu nicht.

Es sind die mit Binsenweisheiten gespickten Endloskataloge von Kompetenzen, die die Medienkompetenz der Grundsch├╝ler gew├Ąhrleisten sollen. Verkannt wird, dass die Vielschichtigkeit der gepriesenen Kompetenzgef├╝ge nat├╝rliche Zusammenh├Ąnge zerst├╝ckelt. Das Gesamtverst├Ąndnis bleibt au├čen vor. Kompetenzerwerb f├╝hrt keinesfalls zu einem Verst├Ąndnis ├╝ber einen komplexen Sachverhalt. Der Gesamtzusammenhang, das Fachwissen selbst, ist nicht gew├Ąhrleistet.

In der kompetenzorientierten Bildung spielt es somit keine Rolle, komplexe Zusammenh├Ąnge zu verstehen. Es werden begrenzte F├Ąhigkeiten erworben, die sich in eher einseitigen  Denkmustern niederschlagen. Das Gef├╝hl, st├Ąndig alternativlosen Zw├Ąngen ausgesetzt zu sein, w├Ąre eine Folge dieser Denkmuster. Das Ziel der Bildung, den Einzelnen hin zur M├╝ndigkeit und zur Selbstbestimmtheit zu f├╝hren, ist nicht garantiert.(3) Ohne Alternative bleibt der Mensch gefangen in einer sehr begrenzt erlebten Welt, die im Konfliktfall den psychischen Ausweg des Burnouts sehr wahrscheinlich macht. Fakt ist, dass der wachsende Schulstress in Grundschulen seit geraumer Zeit dramatische Auswirkungen zeigt.(4)

 

Paradigmenwechsel: Computer ersetzt Handschrift

Bei der Diskussion um die Einf├╝hrung von Notebooks an Grundschulen h├Ątten Cloppenburger Schulausschussmitgliedern z. B. einbeziehen m├╝ssen, dass Eliten des Bildungswesens eine rege Diskussion dar├╝ber f├╝hren, ob das Erlernen der Handschrift in der ersten Klasse ├╝berhaupt noch n├Âtig sei. Ob es vielmehr besser sei, den Kindern nach finnischem Vorbild nur den Umgang mit dem Keyboard beizubringen, um eine Textdatei auf einem Computer erzeugen zu k├Ânnen. Eine Kompetenz also, bei der sich am Ende die Ausdrucksf├Ąhigkeit ausschlie├člich auf ein digitales Medium mit Input-Charakter beschr├Ąnkt. (5) Mit der Einf├╝hrung von Notebooks in Cloppenburger Schulen kann dieses Ziel der Beschr├Ąnkung zumindest in Grunds├Ątzen bedient werden. Ein Teil der Pers├Ânlichkeitsentwicklung k├Ąme erst gar nicht zum Zuge.

Gesprochen wurde auch nicht dar├╝ber, dass sich in Deutschland die bew├Ąhrte qualit├Ątsorientierte Bildung ohne demokratische Legitimation in eine kompetenzorientierte gewandelt hat. Ist der Paradigmenwechsel weg vom humboldtschen Bildungsideal hin zum Glauben an die ├ťberlegenheit einer kompetenzorientierten Bildung bereits vergessen? (6)  

 

Nivellierung fachlicher Anspr├╝che

Nun soll das hochproblematische Lernen vor dem Hintergrund der Kompetenzorientierung verst├Ąrkt in der Grundschule stattfinden. Somit wird es nach einer gewissen Zeit keinen nennenswerten Widerstand mehr geben, die handschriftlichen F├Ąhigkeiten in diejenige Kompetenz zu ├╝berf├╝hren, um ein Computerkeyboard bedienen zu k├Ânnen. Eine Kompetenz, die die individuelle Handschrift ein f├╝r alle Mal ├╝berfl├╝ssig macht. Dass hierdurch die individuelle Ausdrucks- und Kommunikationsqualit├Ąt -also ein Teil einer Pers├Ânlichkeit- verloren geht, ist verheerend. 

Und jeder kann sich denken, wie es weitergehen soll: Anstelle einer fachlichen Klarheit wird es um die Orientierung an Methoden, um das Ausf├╝llen von Arbeitsbl├Ąttern oder Exeltabellen gehen. Eine Kompetenz, die ein Verstehen nicht unbedingt erfordert. Hierbei geht es weniger um Inhalte als vielmehr um F├Ąhigkeiten, um die Nivellierung fachlicher Anspr├╝che. Inhalte bleiben zweitrangig. (7) Dass Computer dann irgendwann die Lehrer ersetzen, versteht sich von selbst. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass die Kinder der Grundschulen ihren ÔÇ×Lehrer“ demn├Ąchst mit ÔÇ×Hey Siri“, ÔÇ×Okay Google, ÔÇ×Hey Cortana“ oder einfach nur mit ÔÇ×Alexa“ begr├╝├čen werden.

 

Der Mensch wird zur Maschine

Die Abschaffung der sozial-kommunikativen Standards schreitet voran. Der Mensch wird mit Hilfe der Maschine (Computer) selbst zur Maschine und verliert die F├Ąhigkeit, Konflikte selbstdenkend zu l├Âsen. Eine gar nicht so abstruse Vision, die zudem erkl├Ąren kann, warum es aufgrund eines stark reduzierten Reflexionsverm├Âgens immer mehr Waffen und Kriegsger├Ąt bedarf, um Drohkulissen aufzubauen.  Dass eine solche Situation im Desaster enden kann, ist nicht von der Hand zu weisen. Die ÔÇ×Maschinengl├Ąubigkeit“ f├Ąrbt ab. Sie ver├Ąndert Verhaltensmuster, indem soziale und emotionale Werte f├╝r nicht wenige Kinder und Jugendliche immer bedeutungsloser werden. Durch die vermehrte Besch├Ąftigung mit Computern (Smartphone, Notebook oder Nintendo) schwindet die gesellschaftliche F├Ąhigkeit, Konflikte in Form unmittelbarer Kommunikation mit Argumenten beizulegen. (8)

Das Lernen darf sich keineswegs nur auf Anwendung oder auf Probleml├Âsen beschr├Ąnken. Lernen beinhaltet vor allem,  den Sinn und Bedeutung einer L├Âsung zu erfassen. Somit sind insgesamt (!) Sachverstand, Urteilsf├Ąhigkeit, M├╝ndigkeit und kommunikatives Miteinander gefragt. Das geformte Lernen, die Bildung, garantiert Nachhaltigkeit und kann nicht nur nicht auf formale F├Ąhigkeiten und Anwendungsorientierungen, die auch Maschinen erf├╝llen, begrenzt werden.

Und nun soll noch jemand behaupten, Kompetenzorientierung sei dasselbe wie Bildung. Er l├Ąge v├Âllig daneben. Soweit zur Vorstellung des Medienkonzepts.

 

Bildungsideal Qualifikation

Zuletzt waren es auch die Vertreter der CDU-Fraktion, die zentrale Forderungen zur effizienteren Ausbildung, z.B. im Handwerk des Oldenburger M├╝nsterlands, ├╝berhaupt nicht zu kennen schienen. Versucht doch das Handwerk  des Oldenburger M├╝nsterlands seit Jahren vergeblich darauf hinzuweisen, dass nur Qualifikation eine nachhaltige Bildungsgrundlage darstelle. (9)

Die Kompetenzorientierung dagegen bringe nicht den Erfolg, um dem Handwerk den n├Âtigen Nachwuchs zu sichern. Handwerk und Unternehmen wissen ein Lied dar├╝ber zu singen, welche geringqualifizierten Bewerber sie jedes Jahr erwartet. Somit beklagt das Handwerk Jahr um Jahr den angeblich wachsenden Fachkr├Ąftemangel, ohne jemals ernst genommen zu werden. (10)

 

Herausforderung in der Grundschule kritisch begegnen

Wenn es um die Frage geht, Notebooks in der Grundschule einzuf├╝hren, dann sollte man diesem Ansinnen keine Steine in den Weg legen. Die Einf├╝hrung der Notebooks aber mit einem fragw├╝rdigen Konzept zu begr├╝nden, welches zudem nicht einmal kritisch hinterfragt wird, ist entw├╝rdigend. Sinnvoller w├Ąre es, die Digitalisierung als enorme Herausforderung der heutigen Zeit zu sehen, die zu einem kritischen Umgang mit den digitalen Medien auffordert. Warum soll dieser Herausforderung nicht schon in der Grundschule begegnet werden?

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Quellen:

1. M├╝nsterl├Ąndische Tageszeitung, 16.11.2017.

2. Nordwest-Zeitung, 16.03.2017.

3. vgl. Krautz, Jochen, Kompetenzen machen unm├╝ndig, in: Wernicke, Jens/Bultmann, Torsten (Hrsg.): Die wissenschaftliche Konstruktion sozialer Ungleichheit. BdWi-Studienheft 10. Marburg 2015

4. Th├╝ringische Landeszeitung, 22.11.2012

5. WDR, Die Handschrift ist Teil unserer Pers├Ânlichkeit, 23.01.2017.

6. vgl. Lieb, Wolfgang; Humboldts Begr├Ąbnis, in: Bl├Ątter f├╝r deutsche und internationale Politik,    6/2009 Seite 89-96.

7. vgl. Liessmann, Konrad Paul; Bildung als Provokation, Paul-Zsolnay-Verlag; Auflage: 3 (25. September 2017)

8. Wilkens, Andreas; Psychologe sieht gro├če Gefahren durch gewaltverherrlichende Spiele, heise.online, 2008.

9. Deutschlandfunk Kultur, 26.11.2017.

10. Handwerkskammer Rheinhessen, Befragung von Fachkr├Ąftesicherung im Handwerk, 2017.

 

 

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